EIN ORT, DEN KEIN MENSCH BRAUCHT
Gestern Abend war es soweit. Meine Partnerin und ich besuchten das Spektakulum in Oberursel. Unsere Erwartungen waren hoch, doch das, was wir antrafen, war eigentlich eine Unverschämtheit, wenn man zumindest Bezug auf die relativ attaktive Webseite nimmt. Selbst pseudo-mittelalterlich wäre noch geprahlt. Das Spektakulum ist soweit vom Mittelalter entfernt wie wir von 30. Jahrhundert.
Von außen ist das Spektakulum eine nüchtern Fabrikhalle, geschmückt mit armseeligen Dekorationen und einer Lichterkette. Und dieser Eindruck setzt sich ungebremst auch im Innern fort. Eine Bowling und Spielhalle, bei der man sich krampfhaft bemüht hat ein in etwa mittelalterliches Ambiente zu schaffen. Aber das ging völlig daneben. Ein paar Spieße und Schwerter an der Wand, ein paar bäuerliche Accessoires, Holzboden und greulich jahrmarktsmäßig bemalte Steinattappen machen noch lange keine mittelalterlich anmutende Umgebung. An einem Ende der langen Theke erhebt sich zudem auch noch ein sehr hohes Strohdach, das mehr an Polynesien erinnert als ans Mittelalter. Lächerlich. Und anstatt bei der Beleuchtung wenigstens auf künstliche Fackeln zurückzugreifen, findet man Spots. Über unserem Tisch hing sogar ein Ventilator mit Beleuchtung. Völlig daneben. Irgendwie wurde ich den Eindruck nicht los, dass das notwendige Kapital für eine artgerechte Umgebung schon bei der Ausführung gefehlt hat.
Völlig daneben ist ebenso die Speisenkarte. Auch hier bemüht man sich krampfhaft eine mittelalterliche Wortwahl für absolut durchschnittliche Gaststättengerichte zu finden. Nicht ein einziges Gericht wird auch nur annähernd dem Anspruch gerecht, den das Spektakulum erheben will. Eine durchschnittliche Alltagsküche, wie sie in jedem Dorfrestaurant zu finden ist, dafür aber überteuert. Eine Rindsroulade mit Rotkohl und Klößen für 13,90 Euro anzubieten, dazu gehört Mut. Das waren mal 27 DM gewesen. Oder Hähnchenbrustspieße mit Champignons für 14,60 Euro (ehemals 28,50 DM). Gewagt.
Nun, wir haben Schnitzel bestellt. Zugegeben, die Portionen sind groß, leider nicht die Qualität. Ich hatte ein Zigeunerschnitzel, meine Partnerin das berühmte Spectakelschnitzel bestellt, ein simples Champignonschnitzel in cremig-pampiger Soße., und die schmeckte stark nach Convenience. Die Soße zum Zigeunerschnitzel war sehr gut, das Fleisch jedoch zäh. Möglicherweise war das Rohfleisch falsch geschnittn worden oder das Tier war das einzige noch ehaltene historische Relikt gewesen und ich durfte nun diese Antiquität verkosten.
Hinzu komt noch, dass das Schnitzel über 1 cm dick war. Ein Unding für ein Schnitzel, das kann nicht gut gehen, wenn man das Fleisch nicht dementsprechend behandelt. Man konnte es zwar (unter Druck) schneiden (das wurde mir auch vom Koch bestätigt!!!), aber nur unter ungewöhnlicher Anstrengung kauen (das wurde mir allerdings nicht bestätigt). Zwei halb so dicke Schnitzel wären sehr wahrscheinlich besser gewesen. Natürlich habe ich das Schnitzel zurück gehen lassen. Obwohl man mir freundlicherweise Ersatz angeboten hatte, habe ich dankend abgelehnt, denn einen zweiten Versuch war es nicht wert. Ich mag auch nicht sehr gern Schnitzel, die in der Friteuse statt in der Pfanne zubereitet werden. Das hat für mich Frittenbuden-Charakter. Beide Schnitzelteller wurden noch geschönt von einem Stück durch Wellenschnitt verzierte Schlangengurke, gekrönt von einer aufgespießten Cocktail-Tomate. Wenn schon nichts für den Magen, dann doch wenigstens etwas fürs Auge. Na prima.
Was ebenso stört, ist der Lärm der Bowlingbahnen. Eine Abtrennung vom Restauranttrakt wäre sehr wünschenswert gewesen, sei es durch eine Glas- oder andere Wand. Kostenfaktor!
Aber trotz allen gibt es zwei gute Bewertungen: a) für das sehr leckere Kartoffelbrot (wenn Kartoffeln auch im Mittelalter weitgehend unbekannt waren) und für die wirklich freundliche und aufmerksame Bedienung. Natürlich, bzw leider ohne auch nur das geringste mittelalterliche Outfit. Lose getragene Durchschnitzfreizeithemden über Jeans erwecken irgendwie ein Desinteresse an der propagierten Historie. Leider alles zuwenig für ein Motto-Restaurant gleich welcher Art.
FAZIT: Sehr richtig ist demnach für uns nun auch der Spruch auf der Homepage: Genießt Eure kostbare Zeit in unserer bescheidenen Hütte. Fürwahr eine bescheidene Hütte, sehr bescheiden. Von Genuß konnte für uns absolut keine Rede sein und unsere Zeit ist wirklich zu kostbar, um ein weitere Mahl diese Katastrophe zu besuchen. read more