Was soll man tun, wenn man in dieser tristen Ecke von Berlin bei 5 Grad Außentemperatur anderthalb Stunden Zeit totzuschlagen hat? Genau, man sucht sich ein warmes, trockenes und möglichst gemütliches Plätzchen.
Das Dalmacija bot sich da noch am ehesten an, obwohl es von außen fast genau so unscheinbar und trist aussieht wie seine Umgebung, direkt neben Supermarkt und Kiosk gelegen dem Einkaufszentrum des Viertels. Hier ist man Lichtjahre vom Mitte-Schick, den Coffeebars und hippen Szene-Kiezen entfernt. Graue Wohnblöcke und auf den Gehsteigen Omis, die ihre Pudel ausführen. Ein Liniebus, der sich durch die engen Wohnstraßen quält, bis zur nächsten U- oder S-Bahnstation ist es mehr als einen Kilometer. Hier ist der tote Winkel der Hauptstadt. Das hier ist das alte West-Berlin (Unterkategorie: Außenbezirk). Will man das wirklich noch einmal erleben? Eigentlich nicht.
Aber dann tritt man durch die Tür und denkt sich: WAHN! SINN! Sowas gibt's noch?! Als wäre man mit einem Schlag um 30-35 Jahre in der Zeit zurückgesprungen, als man ausländisch essen ging und bei den Restaurants nur zwischen Italiener, Grieche, Jugoslawe oder Chinese auswählen konnte. Als Hähnchen süß-sauer den Gipfel der Exotik darstellte und man von Kreolisch oder gar Vietnamesisch noch nicht mal entfernt gehört (geschweige denn gekostet) hatte.
Aber im Dalmacija fühlt man sich gleich wohl, weil man es schon seit seiner Jugend kennt (oder eben ein anderes Lokal, das genau so aussieht wie dieses) und sich seitdem optisch überhaupt nichts verändert hat (womit ich nicht sagen will, dass es in irgendeiner Weise heruntergekommen wäre das ist es absolut nicht! Alles ist ein wenig altmodisch, aber sehr sauber und gepflegt, auch die Sanitärräume). Außer ein Detail: Man is(s)t eben nicht mehr beim Jugoslawen sondern (in diesem Fall) beim Kroaten. Die Welt hat sich in der Zwischenzeit eben doch weitergedreht.
Das Ambiente ist, wie es sein soll: Es gibt drei Reihen mit sich gegenüber liegenden Holzbänken, in der Mitte getrennt durch eine Holzbalustrade mit Grünpflanzen drauf. An den Fenstern hängen halblange Gardinen, über den Tischen runde Steingutlampen. Am Stammtisch in der Ecke tagt der Rat der vier Weisen (Rainer, Klaus, Hotte und Willi), andere Stammgäste werden mit Handschlag begrüßt und davon gibt es hier tatsächlich eine ganze Reihe, denn obwohl es ein früher Donnerstagabend ist, ist das Restaurant fast zur Hälfte gefüllt.
Die Karte enthält die üblichen Klassiker: Cevapcici, Pljeskavica, Pola Pola, Potpourri-Platte, Mix-Grill was man eben kennt und erwartet. Der Vorspeisensalat kommt prompt und ist frisch und lecker. Die Hauptgerichte schmecken nach Kindheit. Die Preise sind günstig bis moderat. Den Ketchup gibt's aus den bekannten kleinen, roten Plastikflaschen mit Spritztülle und die scharfen Zwiebeln aus dem Blechnapf mit Klappdeckel.
Also: Wer mal wieder in Erinnerungen schwelgen und sich in seine 70er/80er-Jahre-Kindheit zurückversetzen lassen will (und nebenbei noch lecker und herzhaft essen möchte) und mal in der Gegend unterwegs ist (obwohl ich das eigentlich niemandem wünsche), der sollte unbedingt hier einkehren Wiedererkennen garantiert! read more