Sonntag Mittag. Hunger. Schnell um die Ecke, gucken, was gerade offen hat. Ah, Poletto's Winebar. Schon zigmal dran vorbeigekommen, aber noch nie reingegangen. Ein Umstand, der ausschließlich meiner instinktiven leider auch immer wieder bestätigten Skepsis gegenüber Etablissements Hamburger
(TV-)Kochstars geschuldet ist. Aber halt, die Poletto Winebar wird ja von Cornelia Polleto's Ex-Gatten Remigio betrieben. Ist demnach kein weiteres Marketingtool einer in allen Gassen kochenden Hans-Dampf-Markenmaschine. Also rein. Zumal der Magen knurrt.
Entspannter Erstkontakt mit der freundlichen Dame vom Service. Einen Platz auf der recht schön gestalteten Terrasse gewählt. Ob man à la carte speisen möchte, oder brunchen? BRUNCHEN? Diese in den 90ern so beliebte, kreative Resteverwertung mit Völlegefühl-Garantie hätte ich jetzt hier nicht unbedingt erwartet. Auch nach explizitem Hinweis der Servicekraft, dass der Brunch sehr zu empfehlen sei, entscheiden wir uns für einen Blick in die Karte.
Osso Buco soll es sein, mit Safran-Risotto und Schmorgemüse.
Oh, das Osso Buco ist leiiiider aus.
Ah. Schade. Dank der recht übersichtlich gehaltenen Auswahl an Speisen fällt die Entscheidung schnell auf ein Risotto Nero mit Calamaretti für den Kollegen und auf die Tagliolini mit Trüffeln aus dem Parmesanlaib für mich.
Dazu bitte zwei Pellegrino Limonata.
Aranciata, werden wir höflich-bestimmt korrigiert.
Nein, Limonata, Zitrone.
Oh, die ist leiiider aus.
Hm. Gut, dann eben zwei Aranciata.
Leckeres Brot, Grissini und das obligatorische Schälchen Öl vorweg, dann die Getränke (Sie haben Glück, sind die beiden letzten) und, kurz drauf, das Essen. In zwei Tellern. Nix mit Parmesanlaib.
Die Pasta in einer ganz ordentlichen Qualität, leider ertränkt in einer zu schweren Butter-Sahne-Kombi. Gekrönt von 6 gehobelten Scheibchen eines eher geschmacksneutralen Trüffelgewächses. Dafür reichlich Trüffelpaste aus dem Glas.
Aufgrund der Geschwindigkeit mit der das Risotto gereicht wurde, möchte mein Kollege wissen, um welche Reissorte es sich denn handele.
Die Dame vom Service verschwindet zur Nachfrage geschwind in der Küche, um kurz darauf mit strahlendem Lächeln und einer verblüffenden Antwort zurückzukehren:
Das ist Risotto-Reis. Italienischer Risotto-Reis.
Ah ja. Dass wir es nicht mit Thai-Basmati zu tun hatten, war uns durchaus bewusst, also nachhaken. Die erneute Nachfrage in der Küche bringt dann zutage, dass es sich um Carnaroli-Reis handelt. Danke.
Ich gebe meinem Hunger nach und vergehe mich an meinen Tagliolini mit wenigen Trüffeln aus dem Porzellanteller. Dabei versuche ich mir vorzustellen, wie ein italienischer Koch eine perfekt al dente gekochte Portion hausgemachter Pasta in einem duftenden Laib alten Parmesans schwenkt. Am Tisch, für mich sichtbar. Und plötzlich beschleicht mich ein grausamer Verdacht: sollte der Parmesanlaib am Ende auf dem Buffet als groteske Deko eines typischen deutsch-italienischen Brunch-Happenings ? In direkter Nachbarschaft zu einem riesigen Wärmebehälter voll mit dampfendem Risotto Nero ? Noch bevor ich diesen tristen Gedanken zu Ende bringen kann, reißt mich der auf die Markise tröpfelnde Hamburger Nieselregen aus meiner Melancholie. Es wird Herbst. Und ich weiß, dass ich in Zukunft wieder mehr auf meinen Bauch hören werde. Gerade wenn der Magen knurrt. read more