Wer eine scheckheftgepflegte Grünfläche erwartet, mit jeder Menge Baum und Strauch und Bänken zum Verweilen, der ist im Mauerpark schlecht aufgehoben. Es wächst, was wachsen will, Schatten ist Mangelware, man sitzt auf nacktem Boden oder Stufen und die Abfallbehälter sind immer überfüllt. Schönheit ist sein Markenzeichen nicht. ABER: wer in kurzer Zeit einen Querschnitt dessen erleben möchte, was Berlin spannend macht, der ist hier goldrichtig, ganz besonders am Wochenende. Zwischen Riesenseifenblasenbläsern, Jongleuren, die ihr Gerät in sehr unterschiedlichem Reifegrad beherrschen, und Musikern aller Stilrichtungen tummeln sich gelassene Menschen mit Frisbees, Kindern, Hunden, Grillgut. Manchmal präsentiert ein witziger Tüftler seinen mechanischen Roboter aus Fahrradkette, Schrott und Einkaufswagen, der wahlweise einen Blumenstrauß überreichen oder Wasser verschütten kann. Sonntags platzt die Zuschauertraverse des kleinen Amphitheaters beim Karaoke aus allen Nähten und der angrenzende Flohmarkt schwappt über auf die Rasenfläche. Dann wird auf Decken oder Campingtischen Abgelegtes oder Selbstkreiertes ausgebreitet und den Rasenrand an der Bernauer Straße säumen Stände mit Grillbratwurst und selbstgemachtem Kuchen. Selbstredend geschieht all das in bester Eintracht; ich habe dort noch keine Pöbelei erlebt - außer vielleicht, wenn wochentags abends oder nachts sich die Kids beim Kampftrinken übernehmen. Es findet sich so ziemlich jede Kultur und Lebensweise ein, die in den angrenzenden Bezirken (Wedding, Pankow/PrenzlBerg) vertreten ist von DINKs und NINKs über deutsch-durchschnittliche 1,5-Kinder-Paare bis zur muslimischen Klischee-Großfamilie - und Interaktion erfolgt ohne Begrenzung durch Herkunft, Hautfarbe etc..
Was diesen Mauerpark aber tatsächlich zu einem einzigartigen Ort kreativer Vielfalt macht, ist das Drumherum. Kaum hatten sich einige Menschen zuweilen auf der Wiese zum abendlichen Biertrinken versammelt, zogen auch schon die Flaschensammler heran. Zunächst ein etwas verwahrlost wirkender Alter, der die Müllbehälter durchstöberte. Dann kamen ein, zwei Treber dazu. Am vergangenen Sonntag wieselten inzwischen ein paar gut organisiert wirkende Jungerwachsene mit riesigen Tüten und Taschen auf Trolleys über das Gelände und sammelten das Leergut direkt an den Grillplätzen ein.
Und als das Völkchen der Karaokebegeisterten von ein paar Dutzend auf mehrere Hundert anstieg, fanden sich auch schon Pfiffikusse, die sich mit Kühltaschen voller Getränke dazwischen mengten. Zu den Kühltaschen-Geschäftlern gesellten sich bald einige mit ganzen Zinkwannen und Fahrradhängern voller Eis und Limo und Bier. Einige Kuchenstände rückten näher, wurden größer. Letztens entdeckte ich eine Frau mit Sandwiches. Ihr Geschäft lief noch nicht gut sie hockte etwas abseits und beinahe versteckt. Mal sehen, ob sie sich durchsetzt oder ob ein anderer ihr Geschäft macht read more