Ein Sonntag im September auf der Tempelhofer Freiheit Der Sommer geht zu Ende. Das merkt man an den kühler
werdenden Temperaturen und der tiefer stehenden Sonne. Das warme, gelbe Licht
des Frühherbstes oder Altweibersommers, wie man so schön sagt, wärmt nun die
Luft und unsere Herzen. Die Aussicht auf den nahenden Herbst lässt die Berliner
noch einmal die letzten Sonnenstrahlen auskosten und sie suchen in Scharen die
viel zu wenigen Grünflächen der Stadt auf. Die Tempelhofer Freiheit ist eine
solche Grünfläche. Doch sie ist noch viel mehr: Sie ist Erholung, Sportplatz,
Freizeitpark, Spielplatz, Schule, Küche, Garten, Treffpunkt, Flaniermeile,
Sonnenstudio, Hundespielplatz, Surferparadies und vieles mehr. Vor allem ist
sie aber Weite. Eine Weite, die der Stadtbewohner in den eng bebauten Straßen
Berlins vergeblich sucht. Für mich hat der Moment, in dem ich das Tempelhofer
Feld betrete immer etwa Heilsames. Über zwei Kilometer völlig freie Sicht
erwartet mich hier und öffnet meinen Geist. Grillen und chillen Bei gutem Wetter steigen von den Grillplätzen des Flugfeldes
kulinarisch duftende Rauchschwaden auf. Würstchen, Fleisch, Spieße und Gemüse
finden ihren Weg von Grillrost in den Mund ihrer zufriedenen Köche. Die türkischen Großfamilien reisen mit ihrem halben
Hausstand an und zelebrieren das sonntägliche Barbecue mit allen Sinnen. Türken,
Deutsche, Amerikaner, Franzosen, Italiener, Spanier, die ganze Welt versammelt
sich bei gutem Wetter auf dem Flugfeld, um zusammen zu grillen, zu essen und zu
chillen. Ein buntes Fressgelage ist das, bei dem sich schnell neue lustige
Kontakte ergeben. Pflanzen und ernten Auf den vielen kleinen Beeten, die sich an der Neuköllner
Seite des Flugfelds befinden, blüht es wie verrückt. Ein Meer aus verschiedenen
Gemüsesorten und bunten Feld- und Wiesenblumen erwartet einen derzeit.
Holzlatten begrenzen die Beete auf verschiedenen Ebenen. In Regalen stehen
Kübel, Blumenampeln hängen von gewollt schief zusammengezimmerten Gestellen und
sogar alte Schuhe dienen den Pflanzen als Heimat. Chaotisch mag der erste
Eindruck sein, doch das Chaos hat Prinzip. Man sieht, dass hier viele Grüne
Daumen am Werk sind. Minigolf als Kunstprojekt Unweit des alten Flughafens befindet sich eine kleine
Minigolfanlage. Die merkwürdig anmutenden Bahnen mit ihren eigentümlichen
Apparaten aus alten Trimm-Dich-Rädern, Haushaltsgegenständen, wie Besen oder
Löffeln, und kreativen Skulpturen wurden von verschiedenen Künstlern
zusammengehämmert und -geschweißt. Die meisten Bahnen sind interaktiv. So muss
man z.B. kräftig in die Pedale treten, um die Apparatur der ersten Bahn in
Bewegung zu setzen. Fünf Euro kostet das Vergnügen pro Erwachsenem, Kinder
dürfen ermäßigt für 3,50 Euro zuschlagen. Man sollte auf jeden Fall Zeit
mitbringen, denn die Bahnen haben es in sich. Auch erfahrene Minigolfer dürften
sich an einigen Bahnen die Zähne ausbeißen. Joggen, Skaten und (fast) fliegen Die ehemaligen Start- und Landebahnen des Flugfeldes sind
prädestiniert für die körperliche Ertüchtigung. Fahrradfahrer, Sketeboarder,
Rollerblader und Kiteboarder nutzen die Freiheit für besinnliche Touren und
sportliche Höchstleistungen. Besonders den Kitern bietet das offene Feld
optimale Bedingungen. Hier kann der Wind ungehindert seine Kräfte entfalten und
ihre Schirme in die Luft befördern. Neben den großen Schirmen der Kiter ist der Himmel besonder
zu dieser Jahreszeit von vielen merkwürdigen Wesen bevölkert, die an langen
Schnüren Kontakt zu den Erdenbewohnern suchen. Riesenkraken, deren Tentakeln
sich im Wind winden, fliegende rosa Schweinchen und sportlich anmutende
Rautenwesen teilen sich den Luftraum über dem ehemaligen Flugplatz. Geschichte und Gegenwart Der Flughafen Berlin Tempelhof hat eine bewegte Geschichte
hinter sich. In den 20er Jahren als Zentralflughafen errichtet, wurde er unter
den Nationalsozialisten zum Propagandaobjekt. Nach dem Krieg wurde der
Flughafen zur Berliner Luftbrücke. Ein Jahr lang versorgten die Rosinenbomber
die Berliner Bevölkerung des amerikanischen, englischen und französischen
Sektors mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. Heute erinnern einige auf dem
Feld befindliche Informationstafeln an die Geschichte des Flughafens. Wer die Tempelhofer Freiheit heute aufsucht sollte hin
und wieder einen kurzen Moment innehalten und sich der Bedeutung des Areals in
der Geschichte vergegenwärtigen. Denn der Park ist mehr als nur ein Park, er
ist ein stummer Zeitzeuge und riesiges Denkmal. read more