Bei dem Wohnhaus in der Friedrich-Franz-Straße 45 im Zentrum von Warnemünde handelt sich um ein historisches Kapitänshaus, das 1891 von Carl Schliemann, von Beruf Loyazier (Tapezierer) mit Meistertitel, wohnhaft in Warnemünde, errichtet und 1893 von dem bekannten Warnemünder Kapitän Heinrich Gornitzka erworben wurde.
Die Gornitzkas, eine Seefahrerfamilie aus Polen, sind vor über 200 Jahren über Kopenhagen nach Warnemünde gekommen. Heinrich Gornitzka ist am 21. November 1844 in Warnemünde als einer von vier Kindern des Johann Gornitzka und dessen Frau Catharina Alström, beide aus Warnemünde, geboren. Sein jüngerer Bruder Alfred Gornitzka war Seelotse und wohnte ebenfalls in der Friedrich-Franz-Straße und hier in der Nr. 5. Heinrich Gornitzka heiratete 1870 Christiane Podeus, geboren 1849, die Schwester des Industriellen und gebürtigen Warnemünders Heinrich Podeus. Die Gornitzkas hatten drei Kinder. (Quellen: http://gornitzka.net/webtrees/individual.php, abgerufen am 18.04.2015 und Sonderausstellung im Heimatmuseum Warnemünde im Jahr 2015 "Warnemünder Schiffer".)
Die Friedrich-Franz-Straße wurde nach dem Großherzog von Mecklenburg Friedrich Franz III. (1851-1897) benannt und seit Mitte des 19. Jahrhunderts bebaut. Sie verläuft vom Georginenplatz im Norden zum Kirchenplatz im Süden des Ortes und damit parallel zur Alexandrinenstraße und dem dahinter verlaufenden Alten Strom. Bis 1840 war die Straße eine Reiferbahn (Reeperbahn), welche zum Drehen von schweren Tauen und Seilen genutzt wurde. (Quelle: http://wmnde.de/lexikon/friedrich-franz-strasse-warnemuende, abgerufen am 26.12.2017).
Das Kapitänshaus Gornitzka ist in Form eines Langhauses in West-Ost-Richtung auf der östlichen Seite der Friedrich-Franz-Straße errichtet worden, hat zwei Geschosse und an der Südseite zum Nachbarhaus einen teilweise überbauten schmalen Durchgang, eine sogenannte Tüsche.
Im Jahr 1902 ließ Kapitän Gornitzka, der von 1883 bis 1890 mit dem Dampfschiff Wismar I seines Schwagers Heinrich Podeus ausschließlich Gewässer im asiatischen Raum befahren hat, das Haus an der zur Straße gelegenen Seite (Westseite) durch eine in Warnemünde einmalige sogenannte doppelstöckige Veranda erweitern. Die Fassade der Veranda ist aus Klinker und Holz und unter anderem mit Schmuckelementen versehen, die aus Asien bekannt sind.
Die Veranda hat einen eigenen, in der Tüsche gelegenen Zugang mit einer erhalten gebliebenen zweiflügeligen Holztür mit Verzierungen und Glaseinsätzen. Über der Eingangstür befindet sich eine große Rosette, die sich aus mehreren verschiedenen Symbolen zusammensetzt. Es handelt sich um einen hervorstehenden Kreis, in dem sich ein Oktogramm befindet, ein in einem Zug dargestellter achtzackiger Stern. In der Mitte des Oktogramms befindet sich eine achtblättrige Blüte.
Der Kreis kann symbolisch für das seelische Gleichgewicht oder im Sinne eines zyklischen Naturverständnisses als Schema der Wiederkehr zu verstehen sein. Das Oktogramm steht für die Zahl Acht, die in der chinesischen Tradition als Glückszahl gilt. Ein Symbol für Glück und Erleuchtung. Die achtblättrige Blüte wiederholt nicht nur die Zahl Acht, ihr kommt im asiatischen Kulturkreis eine vielfältige Symbolik zu, wie zum Beispiel Reinheit und Vollkommenheit. Im Internet finden sich zahlreiche Ausführungen hierzu.
Es ist zu vermuten, dass Kapitän Gornitzka, den man in der Familie und im Freundeskreis auch den "Chinafahrer" nannte, bei seinen Fahrten mit der Wismar I im asiatischen Raum diese Symbole kennengelernt und wegen ihrer Bedeutung bzw. einer Zugewandtheit zur asiatischen Kultur diese als Schmuckelemente in die Fassade aufgenommen hat.
Der zur Straße gelegene obere Teil der Veranda ist dagegen aus Holz und im Stil der Bäderarchitektur (etwa 1793 bis 1918) errichtet worden, der vor allem in den deutschen Seebädern an der Ostseeküste zu finden ist. Besonders während der Gründerzeit (etwa 1870 bis 1914) entstanden an den deutschen Küsten viele Bauten in diesem Stil. (Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Bäderarchitektur und https://de.wikipedia.org/wiki/Gründerzeit, abgerufen am 26.12.2017)
Mit der doppelstöckigen Veranda und ihrer Fassadengestaltung hat Kapitän Gornitzka nicht nur das Haus entscheidend geprägt, es ist ein die Friedrich-Franz-Straße prägendes Gebäude geworden.
Nach seiner Zeit auf See hat Heinrich Gornitzka das Gartenrestaurant "Schweizer Haus" im Warnemünder Kurgarten von einem seiner verstorbenen Brüder übernommen. Er selbst verstarb am 5. Juli 1912 im Alter von 67 Jahren in Rostock. Seine Frau Christiane lebte noch bis 1919 im Kapitänshaus, sie verstarb 1930.
In der Folgezeit wechselte das Kapitänshaus mehrmals den Eigentümer, bis es durch den heutigen Eigentümer in den Jahren 2014/2015 grundlegend saniert wurde. Davon ausgenommen wurde die Fassade der Veranda, die die über 100-jährige Geschichte des Kapitänshauses wiederspiegelt. read more