Wäre ich preisgekrönter Lyriker, ich würde Sebastian Werning und seiner "Bo'teca di vino" in Botnang ein mehrbändiges Werk höchster Dicht-Kunst widmen. Eine vielstrophige elegante Eloge würde ich in die Literaturgeschichte stanzen, dass den Damen und Herren Rezensenten hören und sehen und rezensieren verginge. Und die Damen und Herren Schriftsteller in Tränen ausbrächen, im Herzen und in der Seele berührt von so viel Anmut und Grazie. Und blass vor Neid und Wut, zu derartigem nicht im Stande zu sein.
Allein: Ich bin kein preisgekrönter Lyriker.
Also bleibt's beim schnöden, aber ehrlichen Loblied eines durchschnittlich Begabten.
Und das geht so: Das "Bo'teca di vino" ist das mir angenehmste der hochklassigen Restaurants in Stuttgart. Das Essen ist - nur im übertragenen Sinn, versteht sich - zum Reinliegen. Die Ausgangsprodukte sind zuallermeist aus der Region - und "bio" sowieso. Die Weine sind absolute Spitzengewächse. Das Ambiente in dem kleinen Gastraum, der keine 40 Gäste fasst und einst eine Bäckerei beherbergte, ist sehr angenehm. Und der Betreiber, seine Frau und die Service-Kräfte haben beeindruckenden Sachverstand, ein goldenes Händchen, ein großes Herz und manchmal eine ebenso große Klappe. Letzteres trifft vor allem auf den Chef selbst zu...
Vor allem Letzteres muss man mögen. Ich liebe das. Unprätentiös, wohltuend unverkrampft, manchmal keck, immer individuell, ab und zu sehr speziell und dabei immer viel Liebe und Respekt dem Gast und den Produkten gegenüber ausstrahlend. Und mit Klasse, ohne allerdings gekünstelt-elitär zu sein. Kleid beziehungsweise Anzug sind hier nicht erste Wahl. Zumindest nicht für mich. Eine Jeans und ein Hoddie tun's auch.
Man merk, dass Sebastian Werning und seine Frau in exquisiten Sterne-Häusern tätig waren - er als Koch, sie "an der Front" - und ihre Tätigkeit nicht nur irgendein Job für beide ist, sondern (ja, diese Phrase muss jetzt sein!) Berufung und Erfüllung zugleich.
Geöffnet lediglich abends von Donnerstag bis Sonntag, kredenzen Sebastian Werning und seine beiden Köche in einer winzigen Küche traumhafte Speisen. Pro Woche gibt's in aller Regel ein drei- und ein viergängiges Menü, optional eine Suppe vorweg. Eine herkömmliche Karte existiert nicht. Wer möchte, kann eigens für die beiden Menüs zusammengestellte Wein-Folgen ordern. Das sei jedem, der einen guten Tropfen schätzt, unbedingt empfohlen! Hier gibt es wie auch beim Essen keine Standard- oder 08/15-Ware, hier gibt es mit (Sach-)Verstand und großartigem Gaumen ausgesuchte flüssige Preziosen.
Zudem stehen immer wieder besondere Events auf dem Programm: Häufig beispielsweise sind Winzer aus nah und fern bei Sebastian Werning, die ihre Weine vorstellen und den Genuss mit den Gästen zelebrieren. Oder es steht ein Trüffel-Abend im Herbst an. Ein Blick auf die Homepage oder die Facebook-Seite lohnt sich.
Ein Abend in diesem Gasthaus ist ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Zumindest ging es mir bislang immer so. Allerdings sollte man den Euro nicht zweimal rumdrehen. Essen und Getränke sind nicht günstig, aber unbedingt preiswert - im Sinne von "ihren Preis wert"!
Wer sich etwas Spezielles gönnen möchte, sollte das "Bo'teca di vino" wenigstens einmal ausprobiert haben. Mir hat's dermaßen gefallen, so dass ich immer nach besonderen Anlässen suche, um endlich mal wieder nach Botnang pilgern zu können. read more