Meine Freunde haben mich gewarnt: Ich solle auf keinen Fall die Wahrheit sagen. Aber was soll ich machen? Ich kann nicht anders, ich muß einfach immer ehrlich sein.
Vor vier Tagen brach mir eine kleine Ecke vom Schneidezahn ab. Nach einem kurzen Schreck machte sich bei mir Freude breit. Endlich wieder ein Grund, meine Zahnarztpraxis aufzusuchen. Besuche bei meiner Zahnärztin sind für mich immer ein Höhepunkt im Jahr. Meine Zahnarztpraxis ist der Schönste aller Orte. Sei es, daß bei mir nie schlimme Operationen zu machen waren, sei es, daß die Arbeiten so akkurat ausgeführt werden, oder sei es, daß ich mich emotional so gut aufgehoben fühle: Ich kann mich einfach nicht an unangenehme Zahnarzttermine erinnern.
Bei der Ankunft in der Praxis begrüßten mich zwei Augenpaare der Schwestern, die reine Zuneigung austrahlten. Als ich mich nach rechts wandte, sah ich aus enthobener Position durch die großen Scheiben auf das Gewimmel am S-Bahnhof Alexanderplatz. Dann ließ ich mich auf einen Designersessel fallen. Beim Schweif durch die Empfangshalle Wartezimmer wäre ein zu armseliger Begriff fiel mein Blick auf zwei Kunstwerke, bei denen es sich vermutlich um Leihgaben des Museum of Modern Art in New York handeln muß. Dann fiel mir ein, daß ich noch Zähne putzen wollte. Dazu ging ich auf die Toilette, die einem Fünf-Sterne-Hotel würdig wäre. Ein Pissior mit selbstschließendem Deckel habe ich noch nie gesehen, aber gleich dankbar angenommen. Papierhandtücher gibt es nicht, dafür Stoffhandtücher in Metallringen. Bevor ich mich der erlesenen Zeitschriftenauswahl zuwenden konnte alles zwischen Men's Health und Lustigem Taschenbuch wurde ich aufgerufen. Jetzt würde ich meine Zahnärztin wiedersehen. Mein Herzschlag ging in die Höhe. Zunächst erklärte mir die Assistentin noch die Röntgenaufnahme meiner Zähne, dann kam Frau Jurela hereingeschwebt, einer Göttin gleich. Und ich fühle mich so sicher wie bei einer Göttin. Ich weiß genau: Es kann nichts passieren, alles wird gut. So war es bisher immer, und so wird es auch bleiben. Karmen Jurela beherrscht ihr Handwerk oder besser ihre Kunst mit absoluter Meisterschaft. Ich fühle mich nirgendwo geborgener als auf ihrem Zahnarztstuhl. Unsicherheit existiert nicht. Meine Schneidezähne sehen wieder aus, als ob ihnen niemals etwas zugestoßen wäre. Ich überlege nun, ob ich mich an einem Casting für Zahnpasta-Werbung beteilige.
Aber jetzt kommen schlimme Zeiten auf mich zu. Nun, da jeder über dieses Paradies lesen kann, werde ich wohl kaum noch einen Termin bekommen. Heerscharen werden vom S-Bahnhof abbiegen, große Hinweisschilder werden die Massen lenken, und ich habe Platz 150 auf der Warteliste. Warum muß ich immer die Wahrheit sagen? Wie dumm von mir, wie dumm von mir read more