Nachdem ich die Entwicklung in Neukölln nun schon seit vier Jahre als aktiver Nachtschwärmer und passiver Tagträumer beobachte, scheint mir mit dem Tier der Kiez endlich erwachsen geworden zu sein.
Lese ich die Reviews über diesen und andere Läden hier bei Qype und anderen Foren, so fällt mir ein Missverständnis auf. In meinen Augen ist das Tier kein Laden für Hipster, die verirren sich zwar derzeit drin, irren aber hoffentlich auch bald weiter. Aber es ist auch kein Laden für ein alternatives Publikum das billiges Bier trinken will und gerne Tischfussball spielt. Letzteres ist im Laden gegenüber gut aufgehoben.
Das Tier ist ein sehr erwachsener Laden. Zumindest unter der Woche spiegelt sich das Gott-sei-dank auch im Altersdurchschnitt und für manchen vielleicht auch in den Preisen wieder, aber wer gute Spirituosen haben will, muss auch einen dementsprechenden Preis zahlen. Was sich hinter dem Tresen an Flaschen stapelt sucht man in anderen Bars in Neukölln vergeblich. Hier wird nicht gekleckert und gefuselt. Leider fehlt mir derzeit das Budget mich einmal komplett durchzutrinken.
Die absurden Obstler (Haselnussbrand, der Barkeeper spricht von Nutella), die Weine, den Mezcal sauer sowie den teuren Rum, dessen Namen ich leider immer vergesse, kann ich jedoch wärmsten empfehlen.
Einziges Manko diesbezüglich sind vielleicht die Qualitätsunterschiede der kleinen Cocktailauswahl. Je nachdem, wer arbeitet schmeckt der Cocktail mal so, oder mal so. Das muss nicht sein und wird dem Laden nicht gerecht ist aber hoffentlich eine Kinderkrankheit.
Am wichtigsten finde ich allerdings das Innenleben des Ladens. Derlei Detailversessenheit, geometrische Stimmigkeiten, Lichtführung und verstecktes, unaufdringliches Design kenne ich von wenig Bars in Berlin. Allein für die Atmosphäre hat dieser Laden alle verfügbaren Punkte verdient. Wer meint hier "nichts besonderes", "nichts neues" vorzufinden hat schlicht Tomaten auf den Augen.
Apropos Tomaten, die Bloody Mary schmeckt hier auch sehr lecker. Nichts für schwache Zungen, da sehr scharf, aber lecker.
Last but not least: Vinyl! Hier legt das Personal en passent die Platten noch selber auf und versucht nicht, wie 90% der anderen Kneipen mit elektronischem Dauergedudel oder den ewigen Balkanbeatz zu punkten. Löblich.
Das Tier ist aus einer anderen Zeit. Man sollte ihm und uns wünschen das die nicht zu schnell zu Ende geht. read more