Eine kleine Oase in Berlin-Brandenburgs Wüste
Wir hatten heute vormittags in der Nähe zu tun und dachten uns, wir gehen mittags mal zum Essen in das Lokal, von dem wir vor längerem in der Zeitung gelesen hatten. Der erste Eindruck war angenehm, nicht zu durchgestylt, angemessen für die Lage. Der zweite war auch gut nicht zu eng bestuhlt. Auch der Dritte war's an diesem trüben Wintertag: es war schon schön warm. Viele Wirte meinen, wenn sie um 12.00 das Lokal öffnen, reicht es aus, wenn sie um 5 vor 12 die Heizung anwerfen. Bis man merkt, wie kalt es ist, ist man schon durchgefroren. Wenn man anschließend dann noch eine schöne Winterwanderung um den Sacrower See machen will, ist das doch recht nachteilig. Aber, wie gesagt, hier war es zu unserer Freude sehr schön warm und es ging so angenehm weiter.
Wir wollten eigentlich nur Pasta essen, sind aber schon draußen ins Wanken geraten, als wir die Karte lasen. Als dann der sehr freundliche Kellner kam, war die Sache entschieden. Er empfahl Stör aus dem Sacrower See, heute ganz speziell im Angebot. Erst dachte ich, na das geht ja gut los, wahrscheinlich kommt auch der Wolfsbarsch aus dem Sacrower See. Aber auf meine skeptische Nachfrage, ob es denn tatsächlich Stör in diesem märkischen See gebe, löste er das Rätsel überzeugend auf. Schräg gegenüber sitzt irgendein Binnenfischereiinstitut, das einst 8 Störe ausgesetzt habe und 2 davon seien jetzt im Landleben gelandet. Na dann nahm ich natürlich den Sacrower Stör eh er noch umkommt und das ganz Fischleben umsonst war. Meine Frau nahm die klassische Berliner Kalbsleber.
So wie der Kellner mit der Karte schnell gekommen war (es war allerdings auch noch recht leer), kamen auch die Getränke und das (sehr gut schmeckende) Brot mit Quark als kleiner Pausenüberbrücker sehr schnell und dann auch, ohne das man das Gefühl hatte, auf etwas gewartet zu haben, Stör und Leber.
Die Leber war, wie gesagt, klassisch, zart und nicht totgegart, genau richtig. Viel mehr zu sagen oder zu wünschen gibt es zu so einem Gericht ja nicht. Meine Frau liebt es und war's zufrieden. Lediglich das Püree war ihr etwas zu weich, aber das ist wirklich Geschmacksache.
Mein Stör war perfekt. Ich muß zugeben, noch nie Stör gegesen zu haben, obwohl ich gerne und oft (heimischen) Fisch esse. Er hatte schönes festes Fleisch, erinnert vielleicht etwas an Hecht, ist aber kräftiger im Geschmack (und für den Ängstlichen ohne Grätengefahr). Fisch in (Brandenburger) Lokalen ist nicht nur für Ängstliche immer ein gewisses Risiko, weil er oft zu lange gegart ist. Der hier war genau richtig. Dazu gab's ein ebenso perfektes Kartoffelgratin und frischen Spinat, der wirklich auch frisch aus der Pfanne kam, hatte Biss und einen herrlichen Eigengeschmack. Das Essen war eine Freude.
Kurz gesagt, wir waren sehr zufrieden, was leider in Berlin-Brandenburger Ausflugslokalen nicht immer so ist. Wir essen gerne einfach und gut, aber nicht unbedingt viel (weshalb wir auch keine Vorsuppe o.ä. nahmen, obwohl uns die Rote-Beete-Suppe schon sehr gereizt hätte). Also von uns gibt es eine uneingeschränkte Empfehlung und wir kommen sicher wieder. Wir machten anschließend noch die Wanderung um den See (2 Stunden in gutem Schritt) ein total verhangener Wintertag, aber zum Glück ohne jeden Wind. Es war, man kann es nicht anders sagen, sehr schön, völlige Ruhe, nur ein paar Enten und Schwäne. Auch dies sehr zu empfehlen, gerade im Winter, denn im Sommer wird's wohl voller und lauter sein.
Zum Schluß noch eine kleine Warnung: Wer meint, in ein Lokal geht man, um sich möglichst billig mit möglichst viel Fleisch den Magen voll schlagen zu können (vielleicht kann man sich ja auch noch den Rest, den man trotz größter Anstrengung nicht geschafft hat, für den nächsten Tag mitnehmen), der sollte dieses Lokal umschiffen. Lecker und sich satt essen sowie aus 50 Hauptgerichten auswählen, kann man in vielen anderen gastronomischen Betrieben in Berlin und Umgebung. Da kann man richtig reinhauen. Hier (zum Glück) nicht.
Wein haben wir nicht genommen, da wir ja noch wandern wollten ich nur ein Wernesgrüner und meine Frau ein Malzbier (bekommt man leider kaum noch). Aber durch Lauschen am Nachbartisch hörten wir, dass es wohl auch guten, hauptsächlich deutschen Wein gebe, was auch nicht mehr anders zu erwarten war.
Noch kurz zu den Preisen: In Anbetracht der Qualität, die wir bekamen, müssen sie als recht günstig bezeichnet werden.
Das ist mein erster Restaurantbericht, den ich hier schreibe, aber es war ein richtig schöner Tag, dank Landleben und Sacrower See, und da musste das mal sein. read more