Hühnerfüße, Quallen, Tintenfischbabies....
Lange Zeit habe ich mich gefragt, ob Chinesen sowas wirklich essen. Und wenn ja, warum?
Die Antwort ist so schlicht wie ergreifend - weil es schmeckt und die Bandbreite der Speisen erweitert. Ich bin zum bekennenden Junkie dieser Küche geworden und meine Droge heißt Dim-Sum! Dim-Sum entstammen der kantonesichen Küche, die nur eine der elf chinesischen Nationalküchen darstellt.
Um eine bildhafte Vorstellung von Dim-Sum zu erhalten, spreche ich gerne von chinesischen Tappas. Denn es ist eine Küche, die durch viele, kleine Gerichte in unterschiedlichen Zubereitungen eine unglaubliche Vielfalt auf den Tisch zaubern kann. Ob gerillt, gekocht, gedämpft, gebraten, gesotten oder milchgesäuert eingelegt - die Varietäten der Zutaten und der Zubereitungen lassen kaum Grenzen erahnen. In Kanton werden Dim-Sum traditionell zum Frühstück gereicht. Nach unseren Vorstellungen wäre das allerdings ein viel zu opulenter Start in den Tag. Für einen geselligen Abend mit Familie oder Freunden sind die Dim-Sum jedoch eine Form der kulinarischen Begleitung, die wirklich unvergleichbar für sich steht und es allen Gästen am Tisch erlaubt, sich mit kleinen Happen durch eine aromatische und völlig eigenständige Welt zu futtern.
Leider gibt es gerade in Deutschland nur sehr wenige Restaurants, in denen diese Küche auf einem authentischen Niveau angeboten wird. Ganz vorn mit dabei ist zweifellos das Restaurant JADE in Essen, direkt hinter dem Hauptbahnhof gelegen. Das Jade wirkt von außen wie von innen völlig unscheinbar und ist geprägt durch das typische Flair chinesischer Restaurants, wie wir sie aus den 80er Jahren kennen. Der Zugang ist barrierefrei, nur liegen die Toiletten im Keller und sind für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer nicht erreichbar.
Es gibt in diesem Restaurant Karuselltische, die wie für Dim-Sum geschaffen scheinen. Die Tische sind rund und weisen in der Mitte eine leicht erhobene, frei drehbare Platte auf. Die Dim-Sum werden auf diese Platte gestellt, damit jeder Gast ohne Verrenkungen an die Leckereien kommt, die er gerne futtern möchte. Zusätzlich bleibt der Tischraum vor jedem Gast frei für Teller und Getränke. Es sei jedem empfohlen so einen Tisch vorab zu reservieren, wenn mehr als 3 Personen zur Runde gehören.
Noch eine Besonderheit!
Bei rechtzeitiger Vorbestellung können auf Wunsch alle Gerichte ohne Geschmacksverstärker zubereitet werden. Leider ist das immer noch die ganz große Ausnahme bei chinesischen Restaurants, weshalb Menschen mit Allergien und Unverträglichkeiten hier die Möglichkeit zum Konsum ohne Reue geboten wird.
Um zumindest einen kleinen Eindruck zu vermitteln, was Dim-Sum ausmacht, löse ich den Einsteiger dieser Bewertung auf und fange mit den Hühnerfüßen an. Das sind die kantonesischen Weißwürste, weil die Dinger gezuzelt werden. Hünhnerfuss hinten gepackt, ab in den Mund und gewissenhaft alles ablutschen, was an den Knochen hängt. Dabei überrascht nicht nur der ausgeprägt würzige Geschmack, sonder auch die unerwartete Konsistenz! Fleisch und Haut sind zu einer cremigen Masse geraten, die nicht knorpelig oder unangenehm galertartig wirkt. Die Sauce dazu ist geprägt durch den Geschmack von Bohnenpaste und geröstetem Knobluach.
Die größte Überraschung war für mich der Quallensalat.
Einen wahrnehmbaren Eigengeschmack bringen die Quallen nicht mit. Die Quallenstreifen kommen mariniert sehr knackig und frisch rüber. Hätte ich nicht gewusst, was ich da esse - ich wäre nie darauf gekommen. Umrandet ist der Salat von geviertelten Eiern, deren Eiweiß fest, glasig und nahezu schwarz ist. Sie sind ähnlich eingelegt, wie die hundertjährigen Eier, nur werden bei diesen Eiern Tannennadeln zur Reifung hinzu gegeben. Der Geschmack ist sehr fein, das Aroma der Tannenadeln ist klar wahrnehmbar. Wer meint, die Eier hätten aufgrund der langen Lagerung eine ausgeprägt schwefelige Komponente, irrt gewaltig.
Dann gibt es noch die vielen Kleinigkeiten im Pralinenformat, die in Garkörbchen gedämpft ihren Weg auf den Tisch finden! Ob Siu-Mai (Schweinefleisch mit Pilzen im Nudelteigmantel), Ha-Kau (Reisteigtaschen mit Garnelen und Bambussprossen) oder die gedämpften Teigtaschen mit Shrimps und Gemüse. Allesamt Kompositionen mit einem sehr feinen Aromenspiel.
Die einzelnen Gänge kosten zwischen 4 € und 8 €
Um richtig satt zu werden, sollte pro Gast im Schnitt mit 4 Gängen gerechnet werden. Getränke einberechnet, bewegt sich das Ganze in einer Spanne von 25 € - 40 € pro Person, was ich als sehr angemessen und äußerst fair einstufe.
Probiert dazu das Tsing-Tao Bier aus China!
Das war tatsächlich mal eine deutsche Kolonialstadt und dort haben die Chinesen dereinst das Brauhandwerk nach deutscher Tradition erlernt. Das Ergebnis ist bis heute ein rundes, süffiges und sehr bekömmliches Bierchen, dass aus meiner Sicht perfekt zu den Dim-Sum passt. Nur nicht so "deutsch" bestel read more