Aus Gründen, die vermutlich nur mit seelischer Grausamkeit gegenüber der Natur im allgemeinen und im besonderen zu erklären sind, habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass meine Wohnung eine Topfpflanze braucht. Eine große als Raumteiler für meine Arbeitsecke. Etwas auf das ich kucken kann, wenn ich nicht mehr in den Rechner stieren mag. Grün ist angeblich ja so beruhigend, weswegen die gute, alte Schultafel immer einen grünen Hintergrund hat. Soweit die Theorie.
Die Praxis bestand darin, dass ich mich zu Seebauer aufmachte. Und für mich als jemand mit einem sehr schwarzen Daumen war das durchaus eine Erfahrung.
Das Gute: es gibt geschultes Verkaufspersonal in ausreichender Menge. Für die Auswahl der richtigen Pflanze muss frau sich dann aber einem Fragenkatalog stellen, der nicht nur vage an den eines beliebigen Partnervermittlungsportals erinnert. Nach langer Qual entschied ich mich für eine Palme und einen Übertopf. Oh, da konnte ich mir was anhören. Der Übertopf war natürlich viel zu klein, die Palme viel zu groß, weswegen er mir erstmal eine kleinere und billigere anschleppte, mit deutlichem Gesichtsausdruck, dass er mir in Wahrheit noch nicht mal die verkaufen wollte, weil er zu Recht um ihr Leben fürchtete.
Da ich auf der Großen beharrte (size does matter!) bekam ich einen Schnelldurchlauf zum Thema "Pflanzenkunde". Dass ich zum Beispiel die Pflanze in dem Bewässerungssystem die ersten 12 Wochen noch nicht über das System bewässern solle. Ich ersparte mir den Kommentar, dass ich nicht wusste, dass Pflanzen überhaupt länger als 12 Wochen leben können - und ich das mit dem Gießen immer für überflüssig gehalten habe. Dann kam die dringende Ermahnung, dass ich die Pflanze auch zu düngen habe, ob ich denn Dünger im Haus hätte. Nat-ür-lich habe ich Dünger im Haus, der steht im Keller neben dem Ende des Regenbogens und wird von meiner goldenen Eier legenden Gans bewacht. Den Blick, den bekam, als ich den Düngerbesitz mit gesenktem Blick verneinte, möchte ich nicht beschreiben, meine Mutter hatte mich nur halb so streng angesehen als ich mit den Vorhängen im Wohnzimmer mal fast unseren gesamten Wohnblock abgefackelt habe.
Und dann kam der Höhepunkt: da der neue Topf (ich durfte immerhin die Farbe selbst aussuchen!) größer war als der alte, brauchte ich noch mehr Erde für die Pflanze. Von meinem neuen Erziehungsberechtigten bekam ich den Hinweis, dass man draußen links die Blumenerde auswählen könne und dass ich "Palmen- und Orchideenerde" nehmen solle. Draußen wäre aber auch noch ein Verkäufer, der mich "gerne" beraten würde. Sicher, ich brauche Beratung beim Dreckkaufen. Ich dachte, der will mich verarschen. Wollte er aber nicht. Die verschiedenen Arten von Dreck, die man beim Seebauer käuflich erwerben kann, stellt tatsächlich die Menge der Übertöpfe noch in den Halbschatten. Es gibt Dreck für alles. Hier eine kleinere (!) Auswahl: Kübelpflanzen-Erde, Balkonkastenerde, Kakteenerde, Anzuchterde, Rhododendron-Erde, Kräuter-Erde, Rosenerde, Tomatenerde und meinen persönlichen Liebling: Graberde. Natürlich alles in Beuteln zu jeweils fünf, siebenkommafünf, zehn, zwanzig, dreißig und noch mehr Litern. Ich konnte in dem Moment zum ersten Mal verstehen, warum einem Kerl bei der Auswahl eines Weichspülers ein gewisses Gefühl der Überforderung überkommen kann.
Also gab ich für Dreck Geld aus und nehme noch Wetten an, ob die Pflanze die 12 Wochen bis zum Einsetzen des Bewässerungssystems überlebt. 2 Tage hat sie schon geschafft, ich bin sehr stolz - sowohl auf die Palme als auch auf mich. read more