Nichtraucher, Raucher und Präsidenten
Es war im dritten Monat unseres Jahres, an einem Märzabend, als ich bei starkem Unwetter auf der hamburgischen Deichstraße entlangglitt. So begänne Storms Novelle Der Schimmelreiter wenn er bei Qype einen Bericht über seinen Besuch beim hiesigen Deichgrafen schreiben würde.
Ach, es ist zu bejammern, so beginne ich, dass Hamburg, dieses mit Schönheit sonst überreich gesegnete Hamburg, keine wahre Altstadt mehr hat. Dies sage ich mir so oft, wie ich durch die Deichstraße wandele oder in anderen übrig gebliebenen alten Stadtquartieren mich ergehe. Die Diekstraat ist selbst zu einem Teil dafür verantwortlich zu machen, denn hier begann im Jahre 1842 der mehrere Tage andauernde und ein Viertel der damaligen Stadtfläche verwüstende Große Hamburger Brand.
Also flaniert man durch die Deichstraße und erfreut sich an der nunmehr halben Häuserzeile mit diesen typischen, schmalen und hutzeligen Fachwerkspeicherhäusern aus dem 17. und anderen Jahrhunderten, die besonders vom Nikolaifleet her sehr hübsch anzusehen und völlig unobskures Objekt der Begierde fotoschusssicherer Touristen sind. Hier stehen auch Restaurants neben einem Kolonialwarenladen, die schon namentlich wie die Faust aufs Auge und der Matjes aufs Brötchen hierher passen, wie der Alt-Hamburger Aalspeicher, das innen wunderschöne Alt-Hamburger Bürgerhaus, Das Kontor, Zum Brandanfang (da fing er aber nicht an), der Kartoffelkeller und der Deichgraf.
Frau Ismer, die sehr sympathische Chefin des Letztgenannten, hieß uns vier freundlich willkommen und placierte uns am Präsidententisch hinten rechts, an dem, wie ich vor Jahren bereits in der Zeitung las, dereinst Herr Schröder und Herr Putin tafelten, deren guten Geschmack bei der Restaurantwahl ich hiermit teile.
Dann wurden wir an diesem absonderlich ruhigen Gründonnerstagabend, das schlechte Wetter hatte wohl Hamburger wie Touristen hinweg gescheucht, von Frau Ismer herumgeführt. Im Kellergeschoss befindet sich die Fleetdiele, die, ausnehmend rustikal eingerichtet, dicke Eichenbalken an der Decke und die Decke tragend, kleine Fenster zum Nikolaifleet hin, des Deichgrafen Raucherabteil ist.
Hochparterrig und mit großen Fenstern zur ollen Kopfsteinplasterstraße hin, das Restaurant Deichgraf selbst sieht wie die gute Stube eines hamburgischen Kaufmanns oder Reeders aus, Kristalllüster, Mahagonimöbel, Wandkandelaber, Gemälde und goldgefasste Spiegel, die Tische mit frischen Tüchern bedeckt und edel eingedeckt. Dies ist zweifelsohne keine rustikale Gaststätte und damit eine Besonderheit in dieser touristischen Hauptschlagader des Nikolaiviertels.
Wir wussten nicht, was wir wählen sollen, also baten wir Frau Ismer, wie ich das gerne tue, uns doch etwas zu machen. Dummerweise erinnere ich mich nicht mehr an die Namen der einzelnen Bestandteile unseres Menüs, weil ich in jener Woche zu oft in Restaurants dinierte, Vorspeise war ein Salat mit Spargel der Hauptgang Variationen vom Lamm. Ich weiß nur noch eines und dies ganz bestimmt: Das Essen vom Gruß aus der Küche bis zum Dessert, was sich mir sehr selten zuträgt, wie die Qualität der Produkte war schlichtweg grandios, modern und frisch und kreativ gekocht, reizend präsentiert und, nannte ich es bereits?, grandios und für uns hier in dieser Straße völlig überraschend.
Der ansässige Alt-Hamburger Aalspeicher ist zwar mein persönliches Lieblingsfischrestaurant, wie deren Markus Böse mein Lieblingsoberkellner und deren Frau Eismann meine Lieblingschefin ist, aber das Essen dort ist so rustikal und lecker wie bei Muttern, wie es ja auch sein muss, und desgleichen hatten wir es vom Deichgrafen erwartet.
Dieses, gute moderne Küche in alten Gassen, ist nun definitiv eines meiner favorisierten Restaurants in Hamburg, und ich werde fortan der Agonie der Entscheidung ausgesetzt sein, welche der Stätten des Gastes ich hier dieses Viertels aufsuche.
Vielleicht beide, denn ich kann ohnehin nicht die Deichstrasse traversieren, ohne (in) meinem geliebten Aalpeicher wenigstens hallozusagen. Also gingen wir auch diesmal vorab auf einen Sprung und ein Glas Champagner hinein und, da die schon wieder Essen für uns auffahren wollten, erwähnten wir, einen Tisch im Deichgrafen reserviert zu haben. Nun sind beide Restaurants freundschaftlich miteinander angebandelt und Herr Böse bat uns, Frau Ismer nach dem Löffel, den kürzlich einer seiner Gäste irrend mitgenommen und bei ihr abgegeben hatte, zu fragen, um ihn zu repatriieren. Frau Ismer war sehr ämusiert, Grüße wurden die Deichstraße hin und her gesandt, der Löffel wieder zurückgegeben und die Überbringer mit einem Glase Champagner belohnt und einem Glas Wein und Schlehenschnaps. Danach sind wir aufs Vorzüglichste die Deichstraße entlang getorkelt.
Wie Storm am Ende seines Schimmelreiter-Qypeberichtes über den Deichgrafen schreiben würde: Ich wünsche von Herzen eine wohlschlafene Nacht. read more