Wenn man Shakespeares "König Lear" nicht gleich als Trost für Angehörige von Demenzkranken entmythologisiert, was ein Teil der Sekundärliteratur ja tut, bleibt ein schaurig-schönes Märchen zurück. Es erzählt davon, dass die Chance, überhaupt etwas zu verstehen, sich möglicherweise erst dann auftut, wenn man die Welt nicht mehr versteht.
Dieses Märchen am Wiener Burgtheater mit Brandauer und seinem Regisseur Peter Stein von zwei Darstellern der Theatergeschichte erzählt zu bekommen, die mit einer erheblichen Lebensleistung auf dem Buckel einem deutlich veränderten Betrieb gegenüber stehen, erschien reizvoll. Zwei neugierige Alte in einer Branche, in der sich im schnöden Alltag frühvergreiste Mittdreißiger tummeln, die ihr Bescheid wissen schon für Aufklärung halten? Ach wie schön wär' das gewesen!
Die Aufführung affirmiert die Würdelosigkeit und die Infantilisierung alter Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft mehr als ihr lieb sein kann.
Klaus Maria Brandauer muss sich irgendwann dazu entschlossen haben, Lear, den alten Mann, der ihm doch ans Herz gelegt war, einfach nur zu lieben. In ritterlicher Treue nimmt er alle Demütigungen seiner Figur auf sich, einschließlich der, ausstaffiert wie ein alter Druide der ernsten Arbeit eines Schauspielers nachzugehen. Der dramaturgische Ansatz ist nicht verhandelbar, doch kommt Brandauer damit weiter als man es den müden Füßen Lears je zugetraut hätte. read more