Das Kloster Neresheim, hoch über dem Härtsfeld am Ostrand der Schwäbischen Alb gelegen, wurde 1095 als Augustiner-Chorherrenstift gegründet und wenige Jahre später in eine Benediktinerabtei umgewandelt. Nach der Aufhebung in der Säkularisation fiel die Klosteranlage erst an die Fürsten von Thurn und Taxis, dann an Bayern und 1810 an Württemberg. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen dank des Engagements der Fürsten von Thurn und Taxis Benediktiner aus Beuron und aus Prag, um das Kloster wieder auferstehen zu lassen.
Die sehenswerte mittelalterliche Klosteranlage erhielt nach dem Abriss ihrer romanischen Basilika einen Nachfolgebau, der von Balthasar Neumann geplant und begonnen worden war, dann aber mit gravierenden, aus Geldmangel wie aus statischen Gründen notwendig gewordenen Änderungen von seinen Schülern in der heute vorfindbaren Form fertiggestellt wurde. Die derzeitige Klostergemeinschaft wird von einem Dutzend Mönche gebildet, von einem eigenen Abt geleitet und gehört zur Beuroner Kongregation.
Die Klostergaststätte ist im Gewölberaum eines ehemaligen Pferdestalls untergebracht und vom Innenhof her zu erreichen. Raumgliedernd wie gleichermaßen beeindruckend ist der gewaltige Pfeiler in der Raummitte, der die Raumgewölbe trägt. Um diesen Pfeiler herum und an den Wänden entlang sind die Tische aufgereiht, zeitlos, fast puristisch in der Form korrespondieren sie beeindruckend gut mit dem altehrwürdigen Gemäuer, die rote Farbe der Bestuhlung wie der Tischdecken setzen einen zusätzlichen ungewöhnlich positiven Akzent. Auch die weitere Ausgestaltung erscheint wohl überlegt. Sind die italienischen Stiche des neunzehnten Jahrhunderts durchaus üblich, der Blumenschmuck auf den Tischen (dicke Holzscheibe mit mittigem Reagenzglas und künstlicher Blume) das einzig nicht harmonische, fasziniert die Fenstergestaltung. Jeweils vor dem linken Fensterflügel an einer schrägen Metallschiene aufgehängt wirken die künstlichen Blüten, geschickt auf- und eingesteckt in Sanbittergläschen und Flechtwerk, ungemein dekorativ und werden dem alten Gemäuer wie den großen burgähnlichen Fenster auf interessante Weise und ganz ungewöhnlich gerecht.
Die Klostergaststätte bietet ganztätig warme Verpflegung, ab 15 Uhr mit kleinerer (Vesper-)Karte, die Küche verarbeitet nach eigenem Bekunden überwiegend klostereigene Produkte. Die Speisekarte bietet schwäbisch Bodenständisches beim Fleischlichen wie beim Fleischlosen. Die drei Salatgerichte vereinen Heilige (Benedikt und Afra) und heidnische Gottheit (Neptun), bei der Suppenauswahl findet sich die kaum noch bekannte klösterliche Fastenspeise "Klosterbierbrotsuppe" und in der Vesperkarte ein "Würziger Klosterbierfladen". Wir haben Klösterliches wie Schwäbisches gewählt und wurden nicht enttäuscht. Alles war nach Hausmannsart zubereitet, schnörkellos dargeboten und tadellos im Geschmack. Die Preise freilich insinuieren eine raffiniertere Zubereitung, das Gebotene verlangt eine Korrektur nach unten.
Eine Korrektur verlangt auch der Service. Weder beim Betreten noch bei der Tischwahl nahm man von uns Notiz. Wenigstens die Dame, die uns das Hauptgericht servierte, grüßte freundlich, als sie zu unserem Tisch kam. Ansonsten wurde an der Stirnseite des Tisches Speisekarten und Getränke kommentarlos zum Weiterreichen angedient. Auch 'das Weitergeben' von Teller und Gläsern war trotz der Wandbestuhlung nicht vonnöten, aber ganz offensichtlich der Lethargie unsrer Servicekraft geschuldet. Auch wenn es anerkennenswert ist, dass junge Frauen aus der Gegend hier einen Arbeitsplatz finden, sollten sie dennoch das Grundlageneimaleins des Servierens beherrschen und beherzigen.
Wer die Abtei besucht und dann in der Klosterschänke einkehrt, wird sicher nicht enttäuscht und bestimmt auch gesättigt weggehen. Einem richtigen Wohlfühlen freilich steht die oberflächliche Reisegruppenabfertigung im Wege; eigentlich schade, hier ist mehr und Besseres möglich! read more