Könnte es sein, dass der Inhaber des Florida Eiscafes ein Sadist ist? Wenn ich nach den obligatorischen, immer irgendwie meditativen, nie verlorenen Minuten des Schlangestehens (hier wird Eis erstanden!) endlich an der Reihe bin, leide ich mit dem Personal, wenn ich mitansehe, wie es sich, strenger interner Anweisung folgend, mit sichtbarem Krafteinsatz daranmacht, so viel Eis für eine Kugel aus der kalten, zähen Masse herauszulösen, wie mit viel Geschick gerade noch an der Zange kleben bleibt. Sieh, lieber Kunde, hier wird nicht an der Portion geknausert, lautet die Botschaft. Während ich eishungrig und vorfreudig-mundwässrig bei der Geburt meines ersehnten Eises zuschaue, sehe ich mich regelmäßig im Geiste selbst dort mit der Zange hantieren und fühle unvermeidbar und phantomschmerzartig Muskelkater in den Unterarmen, Verkrampfungen der Schulter, Rückenschmerzen, Ansätze von Sehnenscheidentzündung.
Wahrscheinlich bilde ich mir das alles aber nur ein, und in Wirklichkeit ist der überaus erfolgreiche Geschäftsinhaber nicht nur um das (leibliche) Wohl der Kunden, sondern auch um das seiner mittlerweile mehr als 120 Beschäftigten besorgt. Nicht nur Eisessen, sondern auch Eisverkaufen macht glücklich, sagt Herr Höhn auf der Florida-Website. Wo sonst komme die Kundschaft so positiv grundgestimmt in den Laden und sei für so wenig Geld glücklich zu machen? Stimmt! Die Riesenkugeln mit der unbestrittenen Luxusqualität sind im Florida Eiscafe nach wie vor mit 70 Cent sehr preiswert. Und unglücklich sehen die meist sehr jungen Eisverkäuferinnen und -verkäufer, viele darunter jobbende Schüler, auch nicht aus.
Dieser große Eisladen, dessen Ambiente in der Klosterstraße 15 für meinen Geschmack zu kitschig ist (uninspirierter Miami-Flamingo-Tropic-Papagei-Look) und der an einer öden, lauten Hauptverkehrsstraße liegt, besticht nur durch eins: Das sich unmerklich mit dem Zeitgeschmack wandelnde, supergute und, wie hier jemand treffend geschrieben hat, so ungemein gesund schmeckende Eis!
Viele loben das Eis, teilweise überschwänglich. Warum ist es denn so gut? Ich bin weder Küchenprofi noch selbst ernannter Eisdielentester, aber ich spüre meinem Eisesserlebnis nach - und vergleiche.
Erstens schmeckt das Eis NATÜRLICH gut. Machen die reichlich frischen und frisch zubereiteten Zutaten, wird versichert. Glaube ich gerne, kann ich aber nicht selbst überprüfen. Aber nehmen wir zum Beispiel Geschmack und Farbe des innovativen Endprodukts PFLAUME: sieht nicht unbedingt appetitanregend aus. Aber der Geschmack ist ein Erlebnis an Frische, Fruchtigkeit, leichter Säuernis und in sich schlüssigem Aroma, ohne von Zutaten wie Sahne oder Zimt überladen zu sein.
Zweitens schmeckt das Eis immer einzig und allein aus sich heraus nach der Frucht oder der Geschmacksrichtung, nach der es benannt wurde, und nicht nach einem Aromacocktail, der den Geschmack verstärken soll. ERDBEEReis knackt zudem reichlich beim Kauen der winzigen Samenkörnchen, die außen an der so genannten Scheinfrucht haften - Beweis, dass eben viel Erdbeere drin ist im Eis und nicht Erdbeeraromen und Farbstoffe, die großindustriell preiswert herstellbar sind.
Drittens wird das Eis dank des großen Absatzes mittlerweile, auch wenn der Geschäftsinhaber betont, wie viel Handarbeit es immer noch ist, bereits (fast) großindustriell hergestellt. Damit kann der Betrieb Vorteile bezüglich Einkauf, Maschineneinsatz, Anstellung guter Leute und vieles mehr ausschöpfen, die, wenn man das Augenmaß und die Liebe zum Eismachen nicht verliert, unmittelbar dem Produkt in Preis UND Qualität zugute kommen.
Eigentlich hätte Herr Höhn und sein kleines Imperium das Zeug, zu einem großen Speiseeishersteller der Spitzenklasse aufzusteigen. Freuen wir uns, dass es noch nicht so ist und es so gut bleibt, wie es bisher war, und damit letztlich eine lokale Sache, die jeder Neuberliner erst mal für sich selbst entdecken muss. Schande nur über mich: Nach so viel Lob werden die Schlangen wieder ein paar Meter länger read more