Gestresst? Genervt? Gereizt?
Ein im Leitz-Ordner verstecktes Dujardinchen bewirkt wahre Wunder. Zur Not tut's auch Klosterfrau Melissengeist. Aber günstiger und schöner und in puncto Stressbewältigung von größerer Dauer ist ein Besuch des Birkenkopfs, im Volksmund auch "Monte Scherbelino" genannt. Umgeben von vielbefahrenen Straßen tut sich hier eine grüne Insel auf, eine Oase, ein Idyll, vergleichbar beispielsweise mit den Bärenseen und dem Bärenschlössle. Mit einem riesigen Unterschied: Wer den Birkenkopf bezwingt, wird mit einer atemberaubenden Aussicht in alle Richtungen, aber vor allem hinein in den brodelnden Kessel Stuttgarts belohnt.
Ausgangspunkt ist entweder der Parkplatz an der Kreuzung der Geißeich- und der Rotenwaldstraße direkt am Fuß des Hügels oder die Bushaltestelle der Linie 92 ein paar Meter davon entfernt. Startpunkt des ökologisch deutlich vernünftigeren Verkehrsmittels Omnibus ist der Rotebühlplatz/Stadtmitte unten im Städte, und zwar auch an Wochenenden und Feiertagen zwischen 10 Uhr und 17.30 Uhr im Halb-Stunden-Takt, davor und danach im Stundentakt.
Nach 18 Minuten (Rückfahrt sogar nur 14 Minuten) mit den Öffentlichen ist der Birkenkopf-Besteiger in seinem Basislager I. Gleich nach den paar Treppenstufen vom Parkplatz/von der Bushaltestelle aus umschließt den Wanderer das Grün in Form von allerhand Moosen, Gräsern, Blumen, Büschen und Bäumen. Die Vögel twitschern. Der urbane Mobilitätswahn mit all seinen krankhaften Auswüchsen ist nur noch durch ein leises Hintergrundrauschen präsent.
Herrlich!
Schnelle Wandergesellen mit sportlichem Ehrgeiz schaffen's vermutlich in weniger als 15 Minuten von hier hinauf zum Gipfelkreuz. Wer weniger gut zu Fuß ist oder einfach eine ruhige Kugel schieben möchte, braucht vielleicht zehn, 15 Minuten länger.
Apropos weniger gut zu Fuß: Die Strecke selbst ist kein Problem - weder, was die geringe Steigung, noch den Untergrund anbelangt. Lediglich die ersten 150 Meter verdienen annähernd die Bezeichnung "Waldweg", der Rest ist überwiegend asphaltiert und breit. Wer also auf eine Gehhilfe angewiesen ist oder einen Kinderwagen vor sich herschiebt, dürfte trotz dieses Mobilität-Handicaps locker auf den Birkenkopf kommen.
Der Weg hinauf ist Teil eines übergeordneten Streckennetzes, des sogenannten Stuttgarter Rundwanderwegs, und lädt alle Nase lang zum Faulenzen ein: Zahlreiche Bänke stehen einfach so herum und warten nur drauf, dass ein Passant seine vier Buchstaben auf ihnen plattdrückt. Und wen das Wetter mit bösem Grollen und Unbill überrascht, der hat etwa auf halber Strecke die Möglichkeit, sich dem dank einer Schutzhütte zu entziehen. Allerdings einer potthässlichen.
Ich hab mich übrigens gefragt, warum der Birkenkopf so heißt, wie er heißt. Ich glaube es jetzt zu wissen: wegen der Birken, die überall entlang des Wegs stehen. Allerdings habe ich zur Namensgebung nirgendwo etwas Gesichertes gefunden - außer der Tatsache, dass es auch Birkenkopf-Granit gibt, jedoch vornehmlich im Harz.
Woher der Hügel seinen Beinamen "Monte Scherbelino" hat, ist indes völlig klar: Er ist einer von vielen Schuttbergen in Deutschland, auf denen nach dem Zweiten Weltkrieg das Gemäuer ausgebombter Gebäude abgeladen wurde. Bis Kriegsende wurden bei 53 Luftangriffen über 39.000 Gebäude Stuttgarts zerstört oder zumindest beschädigt - etwa 45 Prozent der Stadt. Knapp 1.000 Menschen kamen dabei ums Leben.
Rund 1,5 Millionen Kubikmeter Schutt haben die Stuttgarter zwischen 1953 und 1957 hier hochgekarrt - das entspricht einem Würfel mit rund 115 Metern Kantenlänge! Alles möglich findet sich hier, übereinander geworfen wie Kraut und Rüben: Säulenbruchstücke, Skulpturenfragmente, stinknormale Steinquader, Ornamentteile und, und, und. Durch die Schuttmenge wuchs der Birkenkopf und wuchs und wuchs: von ursprünglich 471 Meter Höhe auf 511,20 Meter. Damit war er einige Zeit die höchste Erhebung im gesamten Stadtkreis Stuttgart - bis in den 70er Jahren die Bernhardshöhe bei Vaihingen durch das Abladen von Erdaushub von den Tunnelbauten für Stadtbahn und S-Bahn auf 579 Meter Höhe anschwoll.
Immerhin: In Sachen Aussicht gebührt dem Birkenkopf nach wie vor der erste Platz, gar keine Frage. Bei guter Sicht reicht der Blick bis zur Burg Hohenzollern, die Ausläufer von Schwarzwald, Alb und Unterland sind mit Glück ebenfalls zu erkennen. Ein Orientierungstisch mit Orten und Entfernungen ganz oben bei dem einsam stehenden Baum ist hier beim fröhlichen Panorama-Raten hilfreich.
Am beeindruckendsten allerdings ist der Blick vom Gipfelkreuz hinab in den Talkessel - es breitet sich die gesamte Innenstadt vor einem aus. Abgesehen von Stuttgart-Süd: Dieser Stadtteil wird von der Karlsruhe verdeckt.
Besagtes Gipfelkreuz übrigens steht erst seit dem Buß- und Bettag am 19. November 2003. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart ließ das ziemlich hohe Metallgebilde damals aufrichten; das Geld kam vom Verschönerungsverein Stuttgart und von zahlreichen Bürgern. read more